Winterthur, die ewige Nummer 2 – Porträt einer unterschätzten Stadt
- Lisa Aeschlimann

- 5. März
- 2 Min. Lesezeit
Die sechstgrösste Stadt der Schweiz hat eine reiche Geschichte von Aufschwung und Niedergang. Nun wird am 8. März eine neue Regierung gewählt. Es geht um viel. Sogar um das Selbstverständnis der Stadt.

Im Sommer 2015 geschah Ungeheuerliches: Ein Zürcher Journalist des «Tages-Anzeigers» besuchte Winterthur. Seine Eindrücke hielt er in einer fiesen Kolumne fest. Es beginne mit dem schmuddeligen Bahnhof, schrieb er, an dem auffallend viele Arbeitslose, Alte und Alkoholiker im Weg stünden. Winterthur sei eine grosse Industriestadt gewesen, stehe heute aber in jeder Hinsicht im Schatten der Metropole Zürich. Es sei offensichtlich, zu welcher Schweiz Winterthur gehöre: zur B-Schweiz.
Der Artikel war eine Demütigung. Die Reaktion darauf sinnbildlich für eine Mentalität, die man den Winterthurern nachsagt: In der Zeitung «Der Landbote» – die heute ironischerweise zu den Tamedia-Zeitungen gehört – hiess es, man führe «Winti» aufs Schafott. Im Stadthaus hielt man Kriegsrat und erwog, den Journalisten beim nächsten Freundschaftsspiel des FC Winterthur über den Stadionspeaker an den Pranger zu stellen. Noch Jahre später war der Text in der Stadt Gesprächsthema.
Nun, am 8. März, wählt Winterthur. Michael «Mike» Künzle, der «Stadtvater» aus der Mitte-Partei, tritt nicht mehr an. 21 Jahre sass er im Stadtrat, 14 davon als Präsident. Für seine Nachfolge kandidieren Stefan Fritschi von der FDP und Kaspar Bopp von der SP.
Die Kränkung heute: Ausserhalb der Stadt interessiert sich im Kanton kaum jemand für die kapitale Wahl. Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Schweiz – und doch heisst es in den Medien oft «Winterthur ZH». Als wüssten die Leute nicht, in welchem Kanton die Stadt liegt.
Es passt zu einer Stadt, die seit Jahrhunderten im Schatten von Zürich steht, zur apostrophierten B-Stadt.
Doch diese Erzählung ist zu kurz gegriffen. Kein anderer grösserer Ort in der Schweiz hat sich in so kurzer Zeit so rasant erneuert. Und kein anderer Ort steht heute vor derart grossen finanziellen Herausforderungen. Der Urnengang am 8. März ist eine Richtungswahl für Winterthurs Zukunft: Will man gestalten oder bewahren?
Weiterlesen auf NZZ.



Kommentare